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Liebe Freundin der
Menschenrechte,
lieber Unterstützer von IPON,
unsere
Mandatspartnerin und Freundin Zara Alvarez
ist ermordet worden. Lange wurde sie
bedroht, immer wieder kriminalisiert und zu
Unrecht inhaftiert. Seit 2013 hat IPON die
Menschenrechtlerin begleitet. Wir trauern um
sie.[i]
IPON hat
lange schon auf das Phänomen des sog. Red-Tagging
aufmerksam gemacht und darauf, dass es töten
kann. Menschenrechtler*innen werden als
Kommunist*innen bezeichnet. In der Folge
werden sie als Terrorist*innen für vogelfrei
erklärt und verfolgt. In den Philippinen
trifft die Corona-Pandemie auf eine
autoritäre und gewalttätige Staatsführung.
Infektionsschutz wird militärisch
organisiert und zur Unterdrückung
vermeintlicher politischer Gegner*innen
eingesetzt. Menschenrechtsverletzungen vor
Ort zu dokumentieren, ist in diesem Klima
schwierig geworden. Unsere Beobachter*innen
haben bereits im letzten Jahr das Land
verlassen. Nicht erst seit dem Tod von Zara
Alvarez ist jedoch klar: Internationale
Menschenrechtsbeobachter*innen von IPON
müssen in die Philippinen zurückkehren. Das
bereiten wir jetzt vor. Bis es soweit ist,
bauen wir aus der Ferne den Kontakt zu
lokalen staatlichen Akteuren in den
Philippinen aus und erinnern sie
kontinuierlich an die staatliche
Schutzpflicht. Gleichzeitig gilt es, in
Deutschland die Öffentlichkeit zu
mobilisieren und internationale Mechanismen
zum Schutz von Menschenrechtler*innen zu
aktivieren.
Wir
möchten Sie nun genauer über die Situation
in den Philippinen und die aktuelle Arbeit
von IPON informieren[ii].
Wir danken Ihnen für ihr
Interesse und bitten Sie:
Inhaltsübersicht
Repressionen in den
Philippinen
Mord an Zara
Alvarez
Freispruch von
Bobby Lingating
Rückkehr von IPON
Mobilisierung in
Deutschland und EU
Menschenrechtsbeobachtung
aus der Ferne
In
der Pandemie tritt die derzeitige
menschenrechtliche Schieflage der
Philippinen wie durch ein Brennglas hervor.[iii]
In einem hochgradig militarisierten und von
Straflosigkeit geprägten Umfeld erleiden
alle, die sich für die eigenen Rechte oder
die anderer einsetzen, harte Repressionen.
Diese reichen von öffentlichen Demütigungen
bis hin zu Verhaftungen.[iv]
Präsident Duterte hat sogar gefordert, alle
die „Probleme machen“ einfach abzuschießen.[v]
Mit militärischen Mitteln werden
Ausgangssperren durchgesetzt. Menschen, die
zuvor außergerichtliche Tötungen im
sogenannten „War on Drugs“ dokumentiert
haben, können dieser wichtigen Aufgabe kaum
noch nachgehen. Gleichzeitig geht das Töten
von Personen, die angeblich illegale Drogen
konsumieren oder damit handeln, weiter.
Im
Schatten der Pandemie ist im Juli ein neues
Gesetz zur Terrorbekämpfung in Kraft
getreten. Aktivist*innen können nun, wenn
sie durch den sogenannten
Anti-Terrorismus-Rat (ATC) als
Terrorist*innen bezeichnet werden, bis zu 24
Tage ohne Haftbefehl festgehalten werden.
Die Kriterien hierfür sind jedoch nicht
eindeutig, auch gewaltfrei agierende
Menschenrechtler*innen können betroffen
sein.[vi]
Tatsächlich setzt das philippinische Militär
Menschenrechtler*innen immer mehr mit
Terrorist*innen gleich. Diffamierungen als
Staatsfeinde und offene Bedrohungen finden
durch öffentliche Plakataktionen und in den
sozialen Medien statt.
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Zara Alvarez
(† 17.08.2020).
Die Hoffnung die sie niemals aufgegeben hat,
sollte in uns allen weiterleben. |
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Am
17. August wurde Zara Alvarez in der Nähe
ihrer Wohnung in Bacolod City, Insel Negros,
auf offener Straße erschossen. Die Täter
flohen mit dem Motorrad.[vii]
Das, wovor Zara — wovor wir alle — immer
Angst hatten, ist Realität geworden.
Zara
wurde lange bedroht. Seit ihrer Jugend war
sie politisch aktiv, z.B. setzte sie sich in
einer Studierendenorganisation für Meinungs-
und Pressefreiheit ein. Zudem engagierte sie
sich in der größten
Menschenrechtsorganisation der Philippinen
(KARAPATAN). Sie dokumentierte immer wieder
Menschenrechtsverletzungen durch das
Militär und wurde so zur Zielscheibe
staatlicher Repressionen. IPON lernte Zara
2013 kennen. Wegen falscher und später
widerlegter Anschuldigungen, Mitglied der
NPA (kommunistische Guerilla) und an einem
Mord beteiligt gewesen zu sein, saß sie
damals in Haft. Nach ihrer Entlassung
begleiteten wir Zara über mehrere Jahre und
konnten zu ihrer Sicherheit beitragen.[viii]
Zuletzt arbeitete Zara für das Recht auf
Gesundheit im Negros Island Health
Integrated Program for Community
Development (NIHIPCD). Sie lieferte
Hilfsgüter an Gemeinden, die durch
Corona-Maßnahmen ihr Einkommen verloren
hatten und leistete dort Aufklärungsarbeit.
Anstelle einer Anerkennung wurde sie von der
Armee bezichtigt, für die NPA zu
rekrutieren.
Zara
war sich der Gefahr immer bewusst: Sie
suchte Schutz durch (internationale)
Öffentlichkeit und thematisierte ihre
Situation offen.[ix]
Die Idee einer Schutzunterbringung in
Deutschland über ein parlamentarisches
Programm wollte sie nicht weiterverfolgen.
Zum einen war ihr das Engagement vor Ort
wichtig. Zum anderen suchte sie Schutz beim
Philippinischen Staat: Verschiedene
Menschenrechtsorganisationen versuchen seit
Mai 2019, einen gerichtlichen Schutz zu
erwirken (Writ of Amparo). Es soll
gerichtlich festgestellt werden, das Red-Tagging
von Organisationen wie KARAPATAN zu
persönlichen Gefahren für Personen wie Zara
Alvarez führen kann. Noch immer liegt der
Fall beim Obersten Gerichtshof, samt Zaras
eidesstattlicher Erklärung zu ihrer
Bedrohungslage.
IPON
hat über mehrere Jahre, gefördert durch das
Auswärtige Amt, Fälle von Red-Tagging
dokumentiert. Wir haben die Beschreibung des
Phänomens geprägt und staatliche Akteure in
den Philippinen hierzu sensibilisiert.[x]
Unter der Regierung Duterte ist es Programm
geworden, Menschenrechtler*innen
Staatszersetzung und Terrorismus
vorzuwerfen. Dem Phänomen muss nun mit
veränderten Strategien begegnet werden.
Uns
erreichen auch positive Nachrichten von
Menschen, die wir begleiten: Unser
Mandatspartner „Bobby“ Rio Olimpio
Lingating teilte uns am 18. November mit,
dass er vom Gericht in Ozamis City, Insel
Mindanao, in allen Anklagepunkten
freigesprochen wurde. Ihm wurde illegaler
Besitz von Waffen und Sprengstoff
vorgeworfen.
Als
Verteidiger des indigenen Ahnenlandes das
seiner Gruppe gesetzlich zugesprochen wurde,
war Bobby ins Visier lokaler Politiker*innen
und internationaler Bergbauunternehmen
geraten. Nachdem er illegal aus seinem
politischen Amt entfernt wurde, folgten
mehrere politisch motivierte Anklagen, sowie
Angriffe auf sein Leben. IPON begleitet den
Indigenenführer der Subanen, einer der
größten indigenen Gruppen der Philippinen,
seit er 2016 untertauchen musste.[xi]
Den Rahmen bildet das Mandat mit der
Menschenrechtsorganisation BAWGBUG, unter
Leitung des bekannten Friedensaktivisten
Cocoy Tulawie und der Menschenrechtsanwältin
Mary-Ann Arnado. Bobbys Freispruch ist ein
wichtiger Schritt und zeigt, dass auch im
besonders konfliktreichen Westen Mindanaos
Chancen auf faire Gerichtsverfahren
bestehen.
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| Legal Team:
Mit Konstantin Burudshiew, Erik Tuchtfeld und
Margarethe Pfeifer stehen der ehrenamtlichen
Gruppe Personen mit juristischer Ausbildung zur
Verfügung, die sich fortlaufend den rechtlichen
Bedingungen für eine Rückkehr in die Philippinen
widmen (Hier: Videokonferenz) |
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Es
ist Zeit für IPON, gut vorbereitet in die
Philippinen zurückzukehren. Mit dem Ende von
Dutertes Amtszeit im Frühjahr 2022 besteht
die Hoffnung, dass internationale
Beobachtung durch Teams Vorort wieder
möglich wird. Bereits jetzt arbeiten wir an
Konzepten, wie ein rechtssicherer Aufenthalt
von Beobachter*innen organisiert werden kann
und was für die Sicherheit unserer
Mandatspartner*innen und der
Menschenrechtsbeobachter*innen bedacht
werden muss. Wir werten unsere Arbeit der
vergangenen Jahre aus und nehmen teilweise
strategische Anpassungen vor. Die
Koordinations-Gruppe von IPON wird zu einem
erheblichen Teil von ehrenamtlichen
Mitgliedern getragen. Viele haben
mittlerweile Kinder oder sind beruflich
stärker eingebunden, als noch vor einigen
Jahren. Hier gilt es, Formen der
Zusammenarbeit zu entwickeln, die alle
mitnehmen. IPON kann so zunehmend von
enormen Kompetenzen und Netzwerken, welche
die Ehrenamtlichen in ihrer eigenen
Berufstätigkeit ausgebaut haben,
profitieren. Das Büro ist in Teilzeit von
Johannes Richter und Janina Dannenberg
besetzt und bei allen Fragen erreichbar
unter: 040 - 25491947. Bis wir wieder vor
Ort arbeiten können, ist uns wichtig, einen
guten Kontakt zu unseren
Mandatspartner*innen zu halten. Hierbei
übernehmen ehemalige Beobachter*innen die
beruflich in den Philippinen tätig sind,
eine zentrale Rolle.
Zara
Alvarez Tod hat zu einem breiten
zivilgesellschaftlichen Aufschrei über alle
politischen Lager in den Philippinen
geführt. Ein gemeinsamer Appell von 62
Organisationen an den UN-Menschenrechtsrat
wurde von IPON als Mitglied des
Aktionsbündnis Menschenrechte Philippinen
mitgetragen.[xii]
Auf Ebene der EU hat IPON ein Briefing zu
Zaras Ermordung an die Vorsitzende des
Menschenrechtsausschusses, MdE Dr. Hannah
Neumann, eingereicht. Dieses hat zu einer
Dringlichkeitsentschließung des Europäischen
Parlaments beigetragen.[xiii]
Um auf die Situation von philippinischen
Menschenrechtler*innen aufmerksam zu machen,
bedarf es jedoch nicht nur politischer
Lobbyarbeit sondern auch der Begegnung mit
der Öffentlichkeit in Deutschland. In den
nächsten Monaten werden (Mitmach-)Aktionen
entwickeln, die unser Anliegen hier sichtbar
machen. Wir freuen uns, wenn Sie nach
unserem Aufruf dabei sein werden!
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| Bis
Beobachter*innen von IPON wieder persönlich im
Gerichtssaal sitzen können, steht Beobachtung
aus der Ferne auf der Tagesordnung (Zeichnung:
AK). |
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Es
war immer die Besonderheit von IPON, dort zu
sein, wo lokale Menschenrechtler*innen ihre
gewaltfreien Kämpfe ausfechten – in einem
Setting lokaler Behörden und Gewaltakteure.
Das möchten wir beibehalten. Große
internationale NGOs finden an diese Orte nur
selten ihren Weg. Im Fall von Zara Alvarez
droht, wie so oft, Straflosigkeit. Statt
dieses nur auf der nationalen Ebene
anzumahnen, soll bei lokalen Akteuren der
Strafverfolgung das Telefon klingeln. Die in
unserer Erfahrung häufig fruchtbare Frage,
wie es denn mit dem Fall gerade steht,
werden wir, statt an lokale Bürotüren zu
klopfen, aus zehntausend Kilometern
Entfernung stellen. Dieses Vorgehen ist
ungewöhnlich. Doch ungewöhnliche Zeiten
erfordern ein solches Vorgehen. Ob es Erfolg
hat, können wir noch nicht absehen, doch ein
Versuch ist es wert. Einige Kolleg*innen von
Zara sind direkten Todesdrohungen
ausgesetzt,[xiv]
bei anderen unserer Mandatspartner*innen ist
die Situation ebenfalls schwierig. In enger
Absprache überlegen wir, wen auf lokaler
Ebene ein Anruf aus Deutschland erfolgreich
daran erinnern kann, dass es
menschenrechtliche Pflichten einzuhalten
gilt. Ein Brief an den Präsidenten von uns
hätte zurzeit bekanntermaßen keinerlei
Erfolgsaussichten.
Wir
bedanken uns ganz herzlich für ihr
Interesse an unserer Arbeit!
Wir
wünschen Ihnen, dass es Ihnen in diesem
außergewöhnlichen Advent gut ergeht. Allen
Menschenrechtler*innen — ob hier oder in
der Ferne — wünschen wir Mut, weiterhin
für die Rechte aller Menschen einzutreten
und die Kraft, andere zu überzeugen.
Herzliche
Grüße
im Namen der IPON-Koordination
Ihre Janina Dannenberg
Spendenkonto:
IPON e.V.
IBAN: DE40430609671119085800
Bank: GLS Gemeinschaftsbank
BIC: GENODEM1GLS
Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt.
Spenden sind steuerlich absetzbar.
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